Mein Name ist Patrice Krüger und mein Hund Ice ist heute 12 Jahre alt geworden. Als er drei Jahre alt war, übernahm ich einen völlig verängstigten, unsozialisierten Hund aus dem Tierheim Roggendorf: Ice. Dort war er gelandet, nachdem er mit vielen anderen Hunden aus einem Messie-Haushalt von den Behörden beschlagnahmt worden war. Die Hunde hatten bis dahin, nahezu sich selbst überlassen, in Dreck und Enge miteinander leben müssen und Schlachtabfälle gefüttert bekommen. Das einzige, was Ice kannte, bevor er ins Tierheim kam, war der Kampf ums Überleben.

Ice war so ziemlich alles, was ein Hundehalter sich nicht wünscht. Mangelernährt und in gesundheitlich schlechtem Zustand, unsozialisiert, verängstigt, nicht anzufassen, aber von großer Statur und in seiner Panik kaum kontrollierbar. Nach seiner Beschlagnahmung standen ihm gewiss viele Jahre im Tierheim bevor… vermutlich bis an sein Lebensende. Ich kann mich noch gut erinnern, als ich das erste Mal in seinen Zwinger im Tierheim trat. Da versucht er vor lauter Angst, die Gitter hinaufzuklettern. Nicht gerade ein Hund, um den sich die Interessenten reißen. Ich kann mich an niemanden erinnern, der mir damals riet, diesen Hund zu übernehmen. Ice galt als nicht vermittelbar. Aber wenn ich ihm kein Zuhause gabe, wer dann? Also setzte ich mich gegen die durchaus verständliche Skepsis der Tierheimmitarbeiter durch, und nach einer langen, langen Zeit, die wir benötigten, um Ice vom Zwinger ins entsprechend präparierte Auto zu bugsieren, waren wir bereit zur Abreise in unser neues Leben. Es war die gefühlt längste Autofahrt an die ich mich erinnern kann, und ich kann nicht mehr zählen, wie oft sich Ice, der bislang so gut wie kein Auto gefahren war, währenddessen übergeben und gelöst hat. Ich glaube, ich habe an jedem Rastplatz an der Strecke einmal gehalten. 🙂

Es war auch Zuhause unendlich schwierig für meinen jungen Hund, sich an die für uns normalsten Dinge des Lebens zu gewöhnen. Ich fütterte ihn zunächst aus der Hand, so gut es eben ging, weil Ice gar nicht wusste, wie man aus einem Napf frisst. Gassigehen war kaum möglich, zum einen weil seine Muskulkatur und Kondition wenig ausgeprägt waren, zum anderen weil er vor wirklich allem Panik hatte. Vor Menschen, Türen, Autos, Leinen, Mülleimer, Zäunen, Geräuschen… jeder Schritt war ein eine Herausforderung für Mensch und Hund. Und wenn er außerhalb des Hauses auf andere Hunde traf, wurde es ebenfalls nicht einfacher. Er war in einer Umgebung aufgewachsen, in der sich viele Hunde wenig Platz und noch viel weniger Futter hatten teilen müssen. Auseinandersetzungen und Verteidigungsverhalten waren für Ice an der Tagesordnung gewesen, und er hatte eine ganz andere Hundesprache gelernt, als sie im beschaulichen Schönwalde gesprochen wurde. Entsprechend merkwürdig verhielt er sich mitunter anderen Hunden gegenüber, weil er sie oft nicht verstand, und ich hatte so manches Mal meine liebe Müh, ihn zu bändigen. Die „Baustelle“, die sein vorheriger Besitzer hinterlassen hatte, war gigantisch.

Es kostete viel Zeit, Kraft und Geduld, Ice´s Vertrauen zu gewinnen und ihn gesundheitlich wieder aufzupäppeln. Und ich muss ehrlich zugeben, dass es Momente gab, in denen er mich zur Verzweiflung brachte. In denen ich dachte, er wird mir nie vertrauen. Doch nach einem guten Jahr war dann das Schwierigste geschafft. Ice begann zu begreifen, dass ich ihm nichts Bösese wollte. Im Gegenteil, er spürte, dass das Leben auch schön sein kann. Und wagte sich alsbald sogar an Unbekanntes, wenn ich dabei war. Zum Beispiel reizte ihn das Wasser, aber er konnte ja nicht schwimmen. Ich weiß noch wie heute, wie ich am Ufer des Kanals stand und mir überlegt habe, wie ich den verzweifelt paddelnden Hund wieder aus dem Wasser kriegen soll. Aber mein Ice schaffte auch das und ist bis heute in guter Schwimmer.

Auf einer zunehmend festen, gegenseitigen Vertrauensbasis wurde Ice zu einem gesunden, fröhlichen Hund, der bis heute das Wasser liebt, für sein Leben gern Ball spielt, ausgedehnte Spaziergänge genießt – und mir nicht mehr von der Seite weicht. Seine Treue und Dankbarkeit drückt er jeden Tag aus, indem er sich freut wenn ich mich mit ihm beschäftige, mit mir kuschelt und schmollt, wenn ich mal für ein paar Stunden weg muss. Mit meiner Hündin Neva verbindet ihn eine enge Freundschaft (wenn man das unter Hunden so nennen kann). Nur manchmal, da ärgert er mich, weil er das Katzenfutter meiner Katze Emma verspeist. Dann kommt er mit zusammengekniffenen Augen angetapst und ich weiß ganz genau, was passiert ist. 🙂 Aber das sind, verglichen mit früher, nun wirklich keine Probleme.

Bis heute spielt Ernährung -wie wohl bei jedem Hund- eine entscheidene Rolle in Ice´s Leben. Ich habe ihn schon immer sehr vielseitig gefüttert und zumeist barfe ich ihn. Außerdem habe ich den Futterrhytmus und die Futtermenge seinem Alter angepasst. Das zahlt sich aus: Ice hat hervorragende Blutwerte, die wir in Zusammenarbeit mit der Tierarztpraxis Haubner zu Analysezwecken verwenden, und seine anfängliche Ar­th­ro­se beeinträchtigt ihn kaum.

So ist der „unvermittelbare Hund“ aus dem Tierheim die Liebe meines Lebens geworden. Und ich habe meine Entscheidung von damals noch nicht eine Minute lang bereut. Hoffentlich haben Ice, Neva, Emma und ich noch viele schöne und gesunde Jahre miteinander – ich bin für jedes einzelne dankbar!